Samstag, 22. September 2012

Der Weg ist das Ziel



Heute war der erste Tag an dem ich ohne einen konkreten Plan aus dem Haus gegangen bin. Ich habe mir heute Morgen einfach Davids Fahrrad genommen und bin mal in Richtung Old City gefahren. Meine Super tollen Kopfhörer in den Ohren und diesen etwas wackeligen gelben Fahrradhelm auf den Kopf. Angekommen bin ich in der South Street. Ich bi sie bis zum Ende also bis zum Fluss gelaufen. Auf dem Weg bin ich an vielen netten kleinen Esoterikläden vorbei gekommen die abwechselnd Räucherstäbchen, Duft Öl und Heilsteine verkauften. Wobei die Dekoration immer gleich war. Am Ende der South Street angekommen, bin ich am Fluss entlang gegangen, als ich allerdings feststellte, dass am Fluss nur die Interstate (so was wie eine Landstraße) entlang verläuft bin ich einfach in Richtung Central City gelaufen. Angekommen bin ich dann in Society Hill, in den Arkaden, in denen jeden Samstag Schmuck, Bilder und Dekoartikel verkauft werden.
 
Zu Society Hill. Als Philadelphia gegründet wurde, siedelte sich auf Grund der tollen Lage (zwei große schiffbare Flüsse, Wälder und Erzvorkommen in der Nähe) die London Trading Society an. In den Anfangszeiten florierte diese Gesellschaft und viele der Mitarbeiter siedelten sich in einer Gegend an. Allerdings waren die amerikanischen Handelsgesellschaften nicht fern und nach ca. 40/50 Jahren ging die London Trading Society insolvent. Das einzige was sie zurücklies, war der Name für die Nachbarschaft und viele Wohnhäuser mit gigantischen Lagerkellern. Die Nachbarschaft verfiel aber nicht sondern es siedelten sich (auf Grund des hohen Lebensstandards) hohe Persönlichkeiten wie Jefferson und Washington an. Heute ist Society Hill zusammen mit Washington Square eine der reichen und schönen Gegenden von Philly. Alte sehr gut restaurierte Häuser, junge Familien, kaum Kriminalität und Straßenfeste (die den Verkehr regelmäßig zu erliegen bringen). 

Als ich dann Society Hill zur Genüge erkundet habe, bin ich zurück zu meinem Fahrrad und dann nach Washington Square geradelt. 

Eines zu Philly als Fahrradstadt. Es stimmt Philadelphia ist eine Fahrradstadt. Relativ, flach, viele Radwege, viele Möglichkeiten zum Anketten und rücksichtsvolle Autofahrer. Wenn man das Rad nimmt ist Philadelphia auch gar nicht so groß beziehungsweise Center City. Wobei ich anmerken muss ich bin der langsamste Fahrradfahrer in der Stadt gewesen. Selbst ein stark übergewichtiger Mann hat mich mit einem müden Lächeln überholt aber heute habe ich ja nur die Stadt erkundet…

Zurück zum Washington Square. Diese Nachbarschaft heißt so, weil dort ein großer Park, der Washington Park ist. Ich bin ganz entspannt rum gelaufen und habe die wunderbare Nachbarschaft erkundet, die netten Restaurants und verhältnismäßig billigen Läden, wobei mir die Häufung der Regenbogenflaggen nicht auffiel. Erst als ich vor einem Infoschild stand auf dem erklärt wurde dass dies hier die Gayborhoud sei, also die schwule Nachbarschaft. Philadelphia hat eine recht große Schwulengemeinde, diese hat sich im Washington Square angesiedelt. Eine wirklich schöne Gegend genau wie Society Hill. Danach habe ich mich dann mit meinem Lunchpaket in den Washington Park gesetzt. Da kam ein Anruf von Johanna, einer Mitfreiwilligen, ob wir uns nicht treffen wollen, sie seien auf dem Weg in die Stadt aber sie will sich vorher noch einen Laptop kaufen. Um die Wartezeit zu überbrücken bin ich einfach quer durch die Stadt gefahren zum Loganpark. Auffällig an dem waren, dass da auf einen Schlag so viele, so extrem gute, klassische Musiker, im Park spielten. Mit einem leisen Verdacht bin ich dann durch den Park gelaufen und was steht da vor mir. Das Curtis Institute of Music. Wunderbar!!! Natürlich bin ich gleich rein gestürmt. Abgesehen von der Eingangshalle darf man als Besucher nichts ansehen aber diese war sehr eindrucksvoll. Ich habe natürlich alles an Flyern mitgenommen was da rumlag. Das Curtis hat ein unglaubliches Talent sich zu vermarkten. Es veröffentlicht seine eigene Zeitschrift. Hat eine Webseite, von der sich deutsche Profiorchester noch eine Scheibe abschneiden könnten. Ist in YouTube mit einigen tausend Videos präsent. Es hat eine eigene Facebook Seite und eine App (die ich allen nur wärmsten empfehlen kann, die Musik da ist gratis und absolut superst). 

Nach dem Curtis bin ich dann einfach noch ein bisschen vor mich hingeradelt. Als ich dann an einer roten Ampel stehen bleibe entdecke ich auf einmal eine Metallgeige in der Luft. Ich bleibe natürlich sofort stehen um Bilder zu machen und was entdecke ich dabei. Zu der Metall Geige gehört eine Geigenbauerwerkstatt die zwar heute zu hat aber immerhin hab ich jetzt schon mal eine Adresse zu der ich gehen kann, wenn was sein sollte.

Nach einer weiteren dreiviertel Stunde Rumgefahre, kehre ich dann nach Hause zurück und genehmige mir ein Bad. Was für ein Luxus so ein eigenes Bad doch ist. Nach dem sehr erholsamen Bad wird dann schön geübt, ohne Notenständer. Als die Rückenschmerzen, vom komisch da stehen dann zu groß wurden, hat Johanne nochmal angerufen. Es ist relativ schwierig einen Laptop zu bekommen aber wir treffen und jetzt zum Abendessen bei mir daheim.

Dafür muss ich jetzt noch ein bisschen was machen. Euch allen eine gute Nacht,

Zeno

Freitag, 21. September 2012

Bibliotheken, Banken und Handyläden

Als ich mich heute Mittag auf den Weg in die Stadt hinein machte, habe ich die Kopfhörer die bei meinem Luxushandy dabei waren ausgetestet. UNGLAUBLICH!!!! Diese kleinen Kopfhörerchen können einen Klang erzeugen der ist absolut unglaublich. Leider hat die Medaille auch eine Kehrseite. Ich habe vollkommen umsonst $20 für neue Kopfhörer ausgehauen. Mein Herz blutet. Ich habe in den zehn Tagen hier, schon so unglaublich viel Geld ausgegeben. Diese $20 hätte ich mir auch gut sparen können, vor allem weil die blöden Dinger jetzt nur rumliegen.

Aber wie dem auch sei. Meine erste Station heute war die free Libary an der Vine Street. Mir wurde gesagt, dass die Mitgliedschaft umsonst sei und die Bibliothek gut also ist Zeno schön brav hingedackelt und hat sich das ganze mal angesehen.
Zu sagen, dass diese Bibliothek gigantisch ist wäre eine Untertreibung ohne jede gleichen. Sie ist abnorm groß. Ein Gebäude so groß wie ein Unicampus voller Bücher, DVDs, CDs (wobei die Klassikabteilung relativ klein ist), Computer, netter Bibliothekare und das wichtigste zwei Stockwerke vollgestopft mit Noten. Es gibt kein Stück, dass diese Bücherei nicht hat. Allein ein GANZES Regal voller Viola Literatur. Absolut phantastisch. Leider Gottes hat mich die schiere Größe der Bibliothek hoffnungslos überfordert. Falls es ein System in der Sortierung der Noten gibt, bin ich ihm in der halben Stunde Umherirren nicht auf die Spur gekommen. Aber egal denn ich habe Morpheus von Rebecca Clarke gefunden. Ein sehr schwieriges aber unglaublich tolles Stück, welches ich in diesem Jahr lernen will. Mit meinem kleinen Schatz und ein paar CDs bin ich dann zur Rezeption gegangen und habe mir gleich mal ein Konto erstellt. Die Dame fand mein deutschen Personalausweis etwas verwirrend und ich den Account-Zettel. Aber gemeinsam haben wir mir einen Account erarbeitet.

Beflügelt von dem Bewusstesein ein Jahr lang Zugang zu einer wahren Monsterbibliothek zu haben, bin ich in die Pauls and Peters Cathedral geschwebt und habe mir eine amerikanische, katholische Kathedrale angesehen. Sehr sehenswert.

Die Monsterbibliothek von vorne
Mit den Klängen von Elgars Streicherserenade im Ohr, habe ich mich dann zu Bank of America begeben, um mir ein Account zu besorgen. Dort wurde ich von der unglaublich freundlichen Odi bedient. Ähnlich wie in der Bibliothek machte ihr meine deutsche Staatsbürgerschaft und mir die amerikanischen Formulare zu schaffen und genau wie in der Bibliothek haben wir uns gemeinsam durchgekämpft. Jetzt besitze ich bei der Bank of America ein Konto, kann Cash Money abheben und kann alle Bankangelegenheiten gemütlich vom Computer aus erledigen, dazu habe ich eine Debitcard bekommen. Das ist so eine Art Scheckkarte bloß, dass sie ähnliche wie eine Kreditkarte keine Unterschrift oder Pinnummer benötigt (ich frage mich, was die Amis nur machen wenn ihre Karte mal geklaut wird???). Das ganze kostet mich rein gar nichts, weil ich Volunteer bin und damit wie ein Schüler behandelt werde. Serviceparadies USA.

Nach dem ich vor der Bank mein kleines Lunchpaket eingenommen hatte und mir die Unterlagen meiner neuen Bank mal durchgelesen habe (ich habe so ca 60% verstanden), bin ich dann auf die Suche nach einem Verizonstore gegangen. Mein Superhandy hat nämlich leicht komische Sachen angezeigt, die nicht sein sollten. Also schön brav in den Store gegangen, eine Nummer gezogen und eine dreiviertel Stunde in dem komplett überfüllten Laden gewartet. Die Wartezeit gestaltete sich aber äußerst interessant,weil mich ein Verkäufer angequatscht hatte und ich mich dann mit ihm über Musik unterhalten habe. Als ich dann drankam und dem Servicemenschen mein Problem erläutert hatte, war dieser genauso ratlos wie ich und im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass er einen dummen, bescheuerten Reset gemacht hat. Die Idee ist mir heute morgen auch gekommen und eigentlich bin ich in den Store gegangen um genau das zu vermeiden. Der Service ist in den USA zwar um ein tausendfaches freundlicher als in Deutschland aber unbedingt mehr Ahnung hat er deswegen nicht.

Nach dem Store Aufenthalt bin ich dann zum Philadelphia Museum of Art gegangen und habe mir das Ding mal angesehen. Es ist knapp dreimal so groß wie die Bibliothek, hatte aber schon zu als ich da war. Also habe ich mich hingesetzt und mein Handy neu eingerichtet (zum zweiten Mal) und die wunderbare Aussicht auf die Skyline von Philadelphia genossen. Dann bin ich die Stufen (die aus Rocky, da steht sogar ein Denkmal vor denen) hoch und wollte auch ein paar Bilder machen. Zeno ist natürlich ahnungslos wie er ist einfach gerade aus über den Platz vor dem Museum und vor den Eingang gelatscht. Auf dem Weg zurück hielt mich dann eine Dame in einer Neongelben Weste an und fragte mich, ob ich denn im Museum arbeite. Auf meine Antwort meinte sie, dass ich bitte nicht nochmal über den Platz laufen soll, da dort eine Hochzeit stattfände. Anschließend habe ich mich mit ihr über den tollen Ausblick unterhalten.

Morgen werde ich mir Davids Fahrrad ausleihen und mal nach Old Town fahren und die Gegend erkunden. Ursprünglich hatte ich vor Bus zu fahren aber leider wird das Bargeld langsam knapp.

Gute Nacht euch allen und ein wunderbares Wochenende,

Zeno

p.s. hier Morpheus als kleines Schlaflied:

Rebecca Clarke, Morpheus für Viola und Klavier

The Fickenschers united



Bevor ich von meinem Tag berichte eine kleine Warnung vorab. In spätestens ein, zwei Monaten werden die Berichte abflachen. Im Moment ist die Motivation groß, die Eindrücke neu und die Freude unübertrefflich aber sobald sich der Alltag einstellt wird alles etwas anders. Irgendwann werden die Posts sicher kürzer und weniger mit Aufregung geschrieben sein. Ich nehme mir fest vor auch weiterhin täglich zu posten aber es werden dann vermutlich mehr Berichte aus dem Alltag sein mit relativ unspektakulären Geschichten.

Nun aber zu dem heutigen Tag. Er begann um 10 als ich ganz entspannt meinem riesigen Bett entstieg. Ich bin in die absolut gigantische Küche, habe mir zwei Scheiben halbwegs gutes Brot (das Brot in den Staaten ist phänomenal schlecht) aufgetaut und mit Bree und Äpfeln gegessen. Dazu gab es eine leckere Tasse Cafe aux Lait aus der Espressomaschine von David (die Amis können ebenfalls keinen guten Kaffee kochen). Also ein rundum entspannter luxuriöser Morgen. Gegen eins kamen dann die Fickenschers. Henry und Marie.
 
Dazu eine kleine Geschichte. Als meine Mutter Facebook entdeckte, hat ein Herr Henry Fickenscher sie kontaktiert. In den USA gibt es einige Fickenschers und der Herr Henry Fickenscher freute sich unheimlich eine deutsche Namensgenossin zu finden. Nach viel Korrespondenz, wie meine Mutter zu sagen pflegt, hat sie ihm erzählt, dass ich nach Philadelphia gehe und er freute sich darüber unglaublich, da er ebenfalls in Philly lebt bzw. in einer Suburb von Philadelphia. Nun nach dem ich ein bisschen mit ihm geschrieben habe konnten wir uns endlich einmal treffen
.
Er und seine Frau haben mich von zu Hause abgeholt und wir sind zusammen essen gegangen, in einem guten Restaurant in der Nähe der City Hall. Es war sehr lecker und ziemlich teuer aber wieder wurde ich eingeladen. Henry hat mir bei dieser Gelegenheit auch mein Telefon gegeben. Ich habe jetzt ein absolutes Edelhandy. Ich habe 4G mobiles Internet, absolut superschnell. Ich habe unbegrenzte Anrufe und SMS ins amerikanische Netz und 6GB Datenvolumen. Das Ganze für läppische $10. Das habe ich nur weil Henry einen Vertrag bei Verizon hat, dieser ist Verhältnismäßig teuer aber man kann für $10 Aufpreis Familymembers hinzufügen, die dann ein Handy mit Vertrag bekommen und da ich denselben Nachname habe war das alles gar kein Problem. Ich bin ihm so dankbar, etwas Vergleichbares für mein Handy hätte mich locker $50/$60 gekostet. Ich sehe schon, ich werde total verwöhnt aus diesem Freiwilligenjahr hervorgehen und mich erst mal an das normale Leben gewöhnen müssen. Danach haben sie mich zur South Street gebracht. Dort sollte es angeblich gute Secondhandshops geben. Nun ja. Ich bin auf dem Weg an drei Sexshops vorbeigekommen aber an keinem Secondhandshop. Tatsächlich waren auch die normalen Läden zu teuer für mich. So bin ich auf der Suche nach neuen Klamotten und einem Notenständer durch die Stadt getingelt. Ich war in drei Klamottenläden. Der erste war ein Discounter mit entsprechend hübscher Präsentation der Ware, bzw. ohne Präsentation der Ware. Aber ich habe einen Gürtel für $12 von Tommy Hilfiger bekommen, dieser würde in Deutschland locker das Sechsfache kosten. Dann bin ich in einen etwas teureren Laden, in der Hoffnung halbwegs schöne Sachen zu finden, leider ziemlich erfolglos und zum Schluss bin ich bei Macys gelandet. Das ist so eine Art amerikanisches Breuningerland. Mit freundlichen Service Personal, 10% Ermäßigung für Touristen (die ich mir natürlich sofort geholt habe), Modeshows jede Woche und an Weihnachten gibt es eine Lichtershow, die schon über 50 Jahre alt ist und ein absolutes Highlight der Weihnachtszeit hier sein soll. Etwas ganz besonderes ist die Orgel. Es ist die größte Orgel der Welt und sie wird jeden Mittag gespielt. Eigentlich bin ich zu Macys gegangen um mir die Orgel anzusehen im Endeffekt habe ich zwei Teile gekauft und dabei zwar viel gespart aber noch mehr ausgegeben. Aber in nächster Zeit brauche ich keine Klamotten mehr, deswegen ist das okay.

Etwas schwieriger als die Suche nach schönen Klamotten hat sich die Suche nach einem Notenständer erwiesen. Den ersten Musikladen habe ich in der South Street, unweit des zweiten Sexshops gefunden. Dieser verkaufte übel zugerichtete Geigen (mein Herz blutet immer noch) aber keine Notenständer. Der zweite verkaufte nur LPs, CDs und Blechblasinstrumente und der dritte hatte zwar einen Notenständer aber das war ein kappriges, unhandliches Teil, das man nicht mal auf Augenhöhe stellen konnte. Diesen Müll zu kaufen habe ich dann nicht eingesehen. 

Während dieser Suche bin ich einmal komplett durch Central City gelaufen. Dabei habe ich realisiert, dass ein Fahrrad unheimlich wichtig ist. Allein Central City ist riesig aber mit den Bezirken drum herum, ist Philly absolut gigantisch und ich muss schauen, dass ich mich abseits von Central City bewege, da dieser Bereich doch recht teuer ist. 

Als ich dann nach Hause kam, habe ich für David und mich gekocht. Tunfischpasta. Dabei habe ich John kennen gelernt. Er ist Veganer, etwas esoterisch angehaucht und ebenfalls Künstler. Er ist sehr freundlich und er hat Kunst an der Universität studiert. 

So aber jetzt gehe ich nochmal in die Küche und genehme mir einen kleinen Mitternachtssnack.

Viele liebe Grüße und gute Nacht,
Zeno

Donnerstag, 20. September 2012

Einzug in den Himmel

ICH BIN EINGEZOGEN!!!!!

Gestern wurde ich Mittags abgeholt von David Katz. Meinem Vermieter. David ist das Kind zweier nach Israel geflohenen Juden. Mit sieben Jahren sind seine Eltern und er in die Staaten gezogen. David ist genau so wie in Mark mit geschildert hat. Er ist total nett und freundlich und sehr höflich aber auch ziemlich neurotisch. Er ist etwas paranoid, so muss immer die Alarmanlage laufen und das obwohl wir in Central City, einer der sichersten Gegenden von Philly wohnen. Gestern als wir einkaufen waren hat er vergessen die Tür abzuschließen und dann bei der Rückkehr in heller Panik kontrollieren müssen, ob die Batterie geklaut wurde (wer klaut bitte eine Autobatterie aus einer alten Schrottkarre). David ist Mitte Sechzig und hat vor einigen Jahren eine Kunstschule absolviert. Er malt unglaublich viel und das ganze Haus hängt voller Bilder.

Aber er hat ein gigantisches Haus. Das Haus hat drei Stockwerke plus Garage. Ich wohne im 3rd Floor (Zweites Obergeschoss) zusammen mit David. Im 2nd Floor leben Eric, Mat und John. Das sind drei Kunststudenten, die an der selben Schule lernen wie David. Jeder von ihnen hat eine Staffelei in seinem Zimmer und malt sobald er Zeit hat.

Ich habe ein gigantisches Bett (king-size), ein eigenes Bad und einen riesigen Kleiderschrank. Mein Zimmer ist bedeutend größer als mein Zimmer daheim. Die Küche ist riesig groß und super ausgestattet. Außer mir und David kocht keiner (naja John muss für sich selber kochen, weil er Veganer ist), deswegen werden wir beide für das leibliche Wohl von allen sorgen. Das Haus an sich ist sehr alt. Das merkt man besonders daran, dass immer irgendetwas kaputt ist (im Moment eine Lampe bei mir im Zimmer). Ein zweifelloses Highlight sind ein Fernseher, der so groß ist wie ich und ein ständig bellender Hund, der andauernd um einen herum streunert.

Was absolut gigantisch ist, ist, dass David $50 jeden Monat von mir bekommt und dafür einkauft, was immer ich will und oder brauche, egal ob es mehr als $50 kostet oder nicht. D.h. ich habe max $200 Kosten für Lebensmittel und muss mein erarbeitetes Geld nicht so sehr belasten. Damit hat sich eine meiner größten Sorgen in Luft aufgelöst. Außerdem darf ich so viele Leute, so lange ich will bei mir aufnehmen. Damit steht jetzt Tür und Tor für jeden offen der mich besuchen will. Ach ich bin so glücklich.

Ich trink jetzt mal mein Kaffee leer und gehe dann mal ein paar Bilder von dem Haus machen. Ich stell die dann in den Dropboxordner (wer den Link will schicke mir bitte eine Nachricht) und in "American Way", weil das Haus so amerikanisch ist.

Viele liebe Grüße,

Zeno

Mittwoch, 19. September 2012

Judentum, Traumata und Bürokratie


Es ist ein neues Jahr angebrochen, zumindest nach dem jüdischen Kalender. Das neue Jahr ist einer der höchsten Feiertage im jüdischen Jahreszyklus. Die jüdische Gemeinde in Germantown hat uns zu dem Gottesdienst heute eingeladen. Wir wurden am begrüßt und bekamen eine kurze Einführung und haben uns dann in den Gottesdienst, der schon ca. eine Stunde im Gang war, hineingesetzt. Es ist durchaus üblich, in der jüdischen Gemeinde dort, in den Gottesdienst zu kommen und zu gehen wie es einem passt. Man muss allerdings dazu sagen, dass der Gottesdienst heute auch um die vier Stunden ging. Normalerweise sind sie nicht so lang aber da heute ein hoher Feiertag war, ging dieser besonders lang. Der Gottesdienst an sich war lockerer als die christlichen Gottesdienste. Es wurde viel geredet, also in der Gemeinde, und die Atmosphäre war im Allgemeinen eher locker. Aber egal welche Religion, ich kann mit dem Gerede über Gott nichts anfangen. Ich verstehe was oberflächlich damit gemeint ist aber ich kann den Glauben an sich einfach nicht nachvollziehen. Es ist schwierig in Worte zu fassen, genauso wie es für einen gläubigen Menschen schwierig ist seinen Glauben zu begründen. Aus diesem „Unglauben“ heraus fühle ich mich in Gottesdiensten, egal welcher Art immer deplatziert. Abgesehen von den Quakern, weil bei diesen der Glauben nicht im Vordergrund stand, sondern das gemeinsam sein und allgemein die Gemeinschaft.
Nach dem Gottesdienst sind wir in das Hostel zurück gekehrt und haben dort einige organisatorische Sachen besprochen. Unter anderem wurden auch zwei Freiwilligen Vertreter gewählt, diese sollen ein Ansprechpartner für die Freiwilligen sein für Angelegenheiten die man nicht mit dem Landesbeauftragten besprechen will, und es wurde ein Solidaritätsfond gegründet. Dies hat man sich so vorzustellen: Die Freiwilligen zahlen alle Anfang des Jahres $20 in den Fond ein. Dieses Geld wird für Notfälle bereitgestellt. Ein Beispiel aus der ASF Geschichte:
 
Eine Freiwillige aus Chicago sollte mit dem Flieger zu einem Seminar kommen. Leider tobte zu dieser Zeit ein Hurrikan und ihr Flug wurde gestrichen. Weder die Fluggesellschaft noch ASF, wollten oder konnten die Kosten für einen alternativen Transport übernehmen. Deswegen bekam sie das Geld aus dem Fond und konnte so kommen ohne ihr gesamtes Monatsgehalt zu verlieren.
Damit dieser Fond funktioniert musste aber ein System erstellt werden. Nach einiger Diskussion und viel hin und her kamen wir zu folgender Lösung:
Es gibt einen Fondrat, bestehend aus Julius, mir (ich bin ebenfalls Kassenwart) und Sophia. Falls ein Notfall eintreten sollte werden wir kontaktiert und wir drei entscheiden, per Abstimmung, ob das Geld erteilt wird. Daraufhin teilen wir das sofort allen Freiwilligen mit und setzten ein Frist in der Einspruch erhoben werden kann. In dringenden Notfällen ist dies natürlich nicht der Fall. Falls Einspruch kommt wird per Mehrheitsentscheidung der gesamten Freiwilligen entschieden, ob das Geld ausgezahlt wird.
Wie ihr seht ein ausgeklügeltes und sehr Bürokratisches System (sehr deutsch). Aber nach vielen schmerzvollen Erfahrungen, dass bei Geld Freundschaften aufhören und sehr vielen schlechten Erfahrungen mit unkoordinierten Gruppen, erscheint mir dies eine sehr gute Lösung.

Zum Abschluss des Abends kam ein Psychotherapeut zu uns und hat über Holocaust Traumata und übertragene Holocaust Traumata gesprochen. Er hieß Dr. Ira Brenner. Es ist sehr erstaunlich und ermüdend wie bei dem Thema Holocaust immer dieselben Kommentare und Statements kommen. Wirklich spannend wurde es, so finde ich, als davon berichtete, wie Traumata weitergegeben werden.
Es sei häufig vorgekommen, dass die Holocaust Traumata nicht aufgearbeitet wurden und dass die Eltern auf Grund dieser nicht Aufarbeitung vieles von ihrem Frust und ihrem Leid an die Kinder weitergegeben haben und das eine sehr wirkungsvolle Methode dies zu behandeln, der Dialog mit Deutschen sei. Genau was wir hier also machen. Ebenfalls sehr erfrischend und angenehm empfand ich, dass er meinte, dass wir keinen Grund hätten uns zu entschuldigen, da wir nun die dritte Generation seien und dementsprechend nichts mehr direkt mit der Geschichte zu tun hätten. Er sagte außerdem, dass jedes Volk seine dunklen Ecken hat, die Deutschen aber ein besonders tiefes Trauma dadurch ausgelöst haben, dass sie als Dichter- und Denkervolk, platziert in der Mitte des kultivierten Europas, einen solchen Genozid begangen haben. Ein für mich neuer und durchaus beachtenswerter Gedanke.
Was mich aber besonders bestach war, dass er meiner Mutter so ähnelte. Von der Art Probleme zu beschreiben und anzugehen. Die Art zu reden und zu argumentieren und vor allem die Art wie man einen Menschen betrachtet. Erstaunlich wie sehr das Studium den Menschen beeinflusst.

So jetzt habe ich Hunger und gehe was essen. Viele liebe Grüße,

Zeno

Montag, 17. September 2012

Präsentationen

Der Tag bestand im Wesentlichen aus zwei Programmpunkten. Der erste war ein Ausflug nach Nord Philadelphia, in eine nicht ganz ungefährliche Gegend (zumindest bei Nacht). Dort haben wir ein Nachbarschaftsprojekt besucht, welches schon seit den 80ern besteht. In diesem Projekt geht es darum die Gegend lebensfreundlicher zu gestalten, in Form von Gärten, Parks und gemeinschaftlichen Gemüse-und Obstbeeten. Das Projekt wurde von einer asiatischen Künstlerin in Gang gesetzt. Diese wollte einfach ein Wandgemälde in dem Viertel machen und da sie Hilfe benötigte engagierte sie kurzerhand die Leute aus der Nachbarschaft. Das sprach sich rum und das Gemälde war recht fix vollendet. Auf Grund dieser positiven Erfahrung beschloss sie einen Garten anzulegen, der auffallende Ähnlichkeiten mit den Skulpturen von Nici de Saint Phalle haben. Das Projekt wuchs von selber immer weiter, bis aus ihm ein Nachbarschaftsprojekt wurde. Sie verschönern hauptsächlich die Gegend und geben den Leuten bei der Gestaltung ihres Lebensraumes mitzuwirken. Alles hatte einen stark künstlerischen Touch aber war trotzdem praktisch durchdacht. Wirklich ein schönes Projekt.

Der Garten, der Künstlerin


Nachmittags, als wir dann zurück waren, haben wir dann mit den Vorbereitung für die Präsentation am Abend begonnen. Das ASF Landesbüro hat Freunde und Unterstützer eingeladen zu einer kleinen Präsentation der neuen Freiwilligen. Damit diese nicht nur aus Smalltalk besteht mussten wir kleine Präsentationen vorbereiten. Es wurden zwei Vorträge, über Berlin (natürlich von den zahlreich vorhandenen Berlinern gehalten) und über Regensburg gehalten. Dazu kamen eine kleine, pantomimische Show über unsere Ankunft in den Staaten, ein Viola Vorspiel von Karl, ein kleines Singalong mit Pippi Langstrumpf und ein kleines zweistimmiges Acapella Stück (Stand by me). Bei den letzten beiden war ich aktiv dabei. Das Ergebnis war gut aber der Weg dahin war anstrengend. Gruppen ohne eindeutigen Leiter sind finde ich immer hart zu bewegen und zu motivieren. Jedes Mal gibt es Diskussionen und man muss zigtausend Mal das gleiche erklären und abstimmen etc. etc.. Naja so lange alles funktioniert ist alles gut.
Ansonsten war heute ein recht entspannter ruhiger Tag. Morgen ist unser letzter Seminartag. ENDLICH und dann kann ich am Mittwoch einziehen. JAAAA

So ich geh jetzt mal schlafen. Gute Nacht euch allen,

Zeno

Sonntag, 16. September 2012

Quaker

Eines haben alle Christen gemeinsam. Sie wollen einen am Sonntag zum frühen aufstehen zwingen. An einem freien Tag. Ich musste heute um acht aufstehen (bin aber tatsächlich erst um halb neun aufgestanden), damit wir rechtzeitig zum Quäker Meeting kamen. Ich bekam eine Art Maisgrütze, mit Spiegelei und gebratener Salami zum Frühstück. Sehr reichhaltig aber lecker.

Dann ging es los zum Friendsmeeting. Wir kamen in einem großen Raum an. In diesem saßen ca 30/40 Leute verschiedenen Alters, abgesehen von Kindern, diese werden während des Meetings in einem extra Raum bespaßt. Man setzt sich hin und versinkt im Schweigen. Eineinhalb Stunden lang. Diese Stille soll einen zum "inner light" bringen (das Göttliche im Menschen). Es hatte etwas meditatives, beruhigendes.

Die Quaker sind überaus offen herzig und tolerant. Ursprünglich waren sie alle Christen aber inzwischen gibt es viele Quaker, die auch Buddhisten, Juden oder sogar Atheisten sind. Sie besuchen die Meetings, engagieren sich für die Friends (wie sich die Quaker nennen) und in den Workcamps aber sie glauben etwas vollkommen anderes. Das sagt viel über die Religion in den USA oder zumindest hier in der Umgebung aus. Es geht weniger um das aktive Praktizieren eines Glaubens sondern viel mehr um die Gemeinschaft und das soziale Engagement. Der Glauben ist etwas persönliches, dass man für sich selber zurechtlegt und als solcher wird er behandelt. Die Religion ist eine Form an dem sozialen Leben in der Nachbarschaft teilzuhaben und etwas für sie zu tun.

Auf diesem Quaker Meeting war eine Frau. Sie hieß Laverne. Sie war eine ältere schwarze Dame. Sie leitete das Quaker Meeting, sagte also wann es anfing und aufhört und moderierte die Ankündigungen. Sie war beeindruckend. Sie strahlte von innen heraus. Es war als würde die Sonne in ihr ruhen. Sie hatte etwas zutiefst zufriedenes und erfülltes an sich. Sie saß da und wirkte einfach nur glücklich und strahlte dieses Glück aus. Es war fast fassbar.

Nach dem Meeting habe ich mich Laverne und noch ein paar andere zum Klavier gesetzt und wir haben gemeinsam Musik gemacht. Bzw. sie spielte Klavier und ich die Melodiestimme auf der Viola und die anderen sangen. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich im Kopf transponiert habe. Eine große Leistung für mich.

Später habe ich noch an dem Business Meeting teilgenommen. Das war aber ziemlich langweilig, vor allem, weil ich häufig nicht wusste wovon sie reden. Ein weiterer interessanter Punkt an den Quakern ist, dass sie nicht abstimmen sondern alle Entscheidungen auf Konsens also Einstimmigkeit beruhen. Wieder meiner Erwartungen hat es funktioniert und es wurden schnell Entscheidungen gefällt.

Später waren wir dann noch in einem japanischen Haus, weil wir zu früh am Hostel waren. War ganz interessant.

So ich muss jetzt kochen gehen. Viele liebe Grüße,

Zeno